Weihnachts- oder Neujahrssteuern

„In den 12 Gemeinden, in welchen diese Liebessteuern zum Besten der Hausarmen Sitte sind, geschieht fast ohne Ausnahme die Austheilung der Gaben sogleich an Baar, jedoch mit dem Unterschiede, dass die Anmeldenden je nach dem Grade ihrer Dürftigkeit und Würdigkeit in verschiedene Klassen eingetheilt werden. So weiset die Gemeinderechnung von Grub (die einzige, die über die Vertheilung dieser Steuern Aufschluss giebt) 4 Klassen nach, mit Gaben zu 6 Fr. , 6 Fr. 65 Rp., 9 Fr. und zu 11 Fr. In Teufen und Bühler werden nicht wie in den andern Gemeinden besondere Steuern zum Zweke dieser Austheilung erhoben, sondern es werden hiezu annähernd die gewöhnlichen Weihnachtsfeststeuern verwendet. In Heiden hat man angefangen, wie in Speicher, auch die armen Beisassen zu berüksichtigen, dagegen aber die ausser der Gemeinde wohnenden armen Bürger abzuweisen. Die Steuer von Rehetobel enthält hingegen von Bürgern ausser der Gemeinde 145 Fr. und diejenige von Grub 7 Fr. Die Austheilung von baarem Gelde in einer Gabe ist unstreitig der einfachste Modus, ob es aber auch der zwekmässigste sei, müssten wir sehr bezweifeln. Mag sein, dass ein grosser Theil der Gaben dennoch eine zwekmässige Verwendung findet, dass Manche mit den erhaltenen Gaben Schulden bezahlen, nothwendige Kleider anschaffen u. s. w. Diejenigen aber, deren Zahl nicht geringe ist, welche die Fähigkeit nicht haben, verständig hauszuhalten, werden schwerlich diese Gaben im Sinne der Geber zwekmässig zu ihrem Besten verwenden und es dürfte für sie bei einer andern Austheilungsweise besser gesorgt werden können. Weil diese Liebessteuern auch ohne Rüksicht aufs Bürgerrecht von allen Gemeindeeinwohnern erhoben werden, so scheint das Verfahren von Speicher und Heiden bei der Austheilung einzig die armen Gemeindeeinwohner zu berüksichtigen, natürlich zu sein. Prüft man aber die Sache näher, so erscheint dieses Verfahren weniger gerechtfertigt, indem zwischen den fraglichen 12 Gemeinden über die Austheilungsweise eine Verständigung mangelt und weil 8 Gemeinden solche Steuern gar nicht kennen. Mit Zwang eine Gleichheit zu erzweken, geht nicht an, neben dem verfassungsmässigen Grundsaz: „Jede Gemeinde hat ihre armen Angehörigen, sie mögen in oder ausser derselben wohnen, selbst zu versorgen.“ Die nächste Folge des Verfahrens von Speicher und Heiden scheint das Wiederaufleben des Neujahrbettels zu sein, indem die auswärts wohnenden armen Bürger dieser Gemeinden sich auf solche Weise zu entschädigen suchen, während manche in jenen Gemeinden wohnende Beisassen am Bürger- und Wohnorte Gaben beziehen können. Der gesezlichen Armenunterstüzungspflicht am nächsten steht wohl das Steuern der Beisassen an ihrem Bürgerort, wie wir es bei Rehetobel und Grub erfahren, und dem ursprünglichen Zweke solcher Liebesgaben dürfte am meisten das Verfahren der freiwilligen, seit 10 Jahren bestehenden Armenpflege in Herisau entsprechen, die das ganze Jahr hindurch mit allerlei Gaben Hausarme, ohne Unterschied ihrer Herkunft, unterstüzt und zu diesem Zweke im Jahre 1854 an freiwilligen Gaben, ausser Kleidungsstüken, Lebensmitteln etc., die schöne Summe von 2224 Fr. eingenommen hat. Solch freiwillige Armenpflege erfordert freilich viele Mühe und Sorge, besonders wenn sie die Armuth in ihren Hütten aufsucht und mit Rath und Hülfe bereit steht. Sie dürfte aber auch eines der geeignetsten Mittel sein, wahrhaft Hülfe zu spenden und der immer mehr überhand zu nehmen drohenden Armuth nachhaltig entgegen zu wirken. Wir möchten daher wünschen, dass solche Hülfsvereine auch anderwärts entstehen und ihnen zu wohlthätigem Wirken Liebesgaben zufliessen würden. Dürften nicht die Kirchensteuern zum Voraus zu solchem Zweke verwendet werden?“

 

Quelle: Appenzellisches Jahrbuch 1854, S. 321 f.

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