Aus der amerikanischen Gefangenschaft

In den Briefen eines Appenzellers aus der amerikanischen Gefangenschaft, abgedruckt im Appenzeller Jahrbuch des Jahres 1866, erfahren wir Geschichten des nach Tennessee ausgewanderten Ulrich Heim, welche heutigen Flüchtlingsschicksalen in nichts nachstehen. Nachfolgend ein Auszug aus dem Brief vom 15. Mai 1863 aus dem Lager bei Somerset, Kentucky:

„Liebe Eltern und Geschwister! Ich sende Euch den 2. Brief, seitdem ich Soldat bin in der Unionsarmee. Die schreckliche Tyrannei, die in den südlichen Staaten herrscht, zwang auch mich am Ende, meine liebe Familie und Heimat zu verlassen. Im Frühling des Jahres 1861, als der Krieg losbrach, hiess es im Süden, jeder müsse in die Armee treten. Um dem zu entgehen, arbeitete ich den Sommer über in einer Salpeterfabrik, was mich vom Militärdienste wirklich befreite. Der konföderirte Kongress erliess dann ein Gesetz, das alle Männer unter 35 Jahren zum Eintritt in die Armee verpflichtete. In allen Südstaaten wurde es ausgeführt, ausser in Osttennessee, wo die meisten Leute unionistisch gesinnt waren. Alle Mittel wurden angewandt, um Freiwillige zu erhalten, aber umsonst. Da proklamierte Präsident Davis, wer den Treueid für die Konföderation nicht schwören wolle, müsse inner 40 Tagen das Land verlassen. Das machte böses Blut. Leute mit Hab und Gut wollten ihre Heimat nicht verlassen; dagegen giengen Tausende von jungen Männern nach Kentucky und traten als Soldaten in die nördliche Armee ein. Gegenwärtig sind 12-15,000 Mann von Osttennessee in unserer Armee und täglich kommen neue Flüchtlinge an. Bis zum März 1863 liess man mich in Ruhe. Ein neues Gesetz hatte bestimmt, dass Schmiede, Wagner und andere Handwerker vom Militärdienst befreit sein sollten, weshalb ich in Knorville mich als Schmied im Dienst der südlichen Regierung anstellen liess. Ich erhielt auch wirklich ein Exemtionspapier von Oberst Blake. Aber im März 1863 wurde das Wort gebrochen und derselbe Oberst erklärte mir und andern, dass wir nicht länger frei seien und entweder in eine Freiwilligenkompagnie oder in ein Lager der Konskribirten abgehen müssten. Ich wusste, dass wir nach Vicksburg bestimmt waren, und wollte lieber sterben, als in der südlichen Armee dienen. Ich war entschlossen zu fliehen und auch nach Kentucky zu gehen, nahm aber vorher noch Rücksprache mit den Meinigen, auch mit dem Schwager (Hrn. Pfr. Weishaupt) und der Schwester; sie billigten mein Vorhaben. So lange ich lebe, hatte ich keinen solchen Schmerz, als damals, da ich von meiner Frau und den Kindern, vom Schwager und der Schwester Abschied nahm. Mit Thränen in den Augen und schwerem Herzen riss ich mich von ihnen los. Am 23. März verliess ich Osttennessee mit 6 andern Flüchtlingen in der Nacht. Ein Hr. Lee war unser Führer. In der ersten Nacht marschierten wir nur 6 Meilen. Am folgenden Tage versteckten wir uns in einer Scheune im Heu. Die nächste Nacht gieng es 12 Meilen vorwärts über den Clinch-river; am Tage verbarg uns der Wald. So gieng es mehrere Tage und Nächte. Wir waren noch in der Nähe der Feinde, und als wir einmal in einem Blockhause unsere nassen Kleider trocknen und uns wärmen wollten, kam ein kleiner Knabe in grosser Eile und sagte uns, dass die Rebellen auf unserer Spur seien. Wir verliessen das Haus auf der Stelle und warteten noch ein wenig auf den etwas zurückgebliebenen Lee. Dann hörten wir 6 Schüsse und ich glaube, Lee sei erschossen worden. Nun rannten wir davon und verirrten uns im Gebirge, mussten auch zweimal einen Kreek durchwaten. Das Wasser gieng uns über die Schultern und mehr als einmal dachte ich, wir seien verloren. Endlich fanden wir uns wieder zurecht, aber die Rebellen waren immer noch in der Nähe, und wir mussten uns wieder im Walde verstecken, in nassen Kleidern und fast verfroren. Glücklicherweise verloren die Feinde unsere Spur. Nach vielen weitern Strapazzen gelangten wir endlich über die Grenze nach Kentucky. Meine Kleider waren ganz zerrissen, meine Schuhe in Stücken, Geld hatte ich auch nicht, um weiter zu reisen, und so blieb mir nichts anderes übrig, als in die nördliche Armee einzutreten. Ich schloss mich dem 2. Infanterieregiment der Freiwilligen von Osttennessee an, in dem ich viele Bekannte traf.“

Quelle: Seiten 113 ff.

Zum Jahrbuch