Witterung und Naturereignisse

Die Witterung und Naturereignisse in den Jahren 1864 und 1865 verdienen ganz besonderer Erwähnung. Das Jahr 1864 zeichnete sich durch grosse Kälte im Januar und Februar (16° R. und mehr [Anmerkung: °R entspricht Grad Réaumur und war bis Ende 19. Jh. in Westeuropa verbreitet; Nullpunkt ist wie bei Grad Celsius, aber Siedepunkt des Wasser liegt bei 80° R, d.h. 16° Réaumur entsprechen 20° Celsius]), sehr raschen, der Gesundheit schädlichen Temperaturwechsel im März und später, kalten Nordostwind im April, nasse Witterung im Sommer, Schneefall im Mai und August, viel Hagelschlag und heftige Gewitter, aber auch, wie seine 10 Vorgänger, durch einen schönen Herbst aus. – Der Frühling trat spät ein, brachte aber eine wahre Prachtbaumblühte hervor, die einen reichen Obstsegen erzeugte. Schon anfangs Juni stellt sich der Hagel ein. In Stein fielen Körner von der Grösse eines Hühnereies. Der Heuet liess sich bei dem nassen und kalten Wetter schlecht an; man fror bei dem Geschäfte; begreiflich, dass die Sennen in den Bergen mit dem Sommer nicht zufrieden sein konnten, da die Berge häufig mit Schnee bedeckt waren, das Gras nicht wachsen wollte und die Kühe wenig Milch gaben. – Heftige Gewitter entluden sich über verschiedene Gemeinden. Den 29. Juli schlug der Blitz in den Kirchturm in Stein, demolirte ihn unterhalb des Knopfes und hinterliess einen Riss vom Knopfe bis auf die Schallläden. Das Gewitter an diesem Tage dehnte sich über Teufen, Speicher, Wald, Trogen aus. Fast den ganzen Vormittag folgte ein Blitzstrahl und Donnerschlag dem andern. In Wald fuhr der Blitz in das Haus des Hrn. Walser an der Scheibe, ohne zu zünden, tödtete aber ein schlafendes vierjähriges Mädchen im Bette. In Teufen wurde eine Kuh erschlagen. Von vielen Seiten hörte man von grössern und kleinern Beschädigungen. Doch lief dieses schwerste Gewitter im ganzen noch gnädig ab. Anfangs August suchte dieselbe Naturerscheinung besonders das Mittel- und Vorderland heim. In Speicher wollte eine Frau beim Ausbruch des Unwetters eben einen Laden schliessen, als der Blitz sie, jedoch nicht tödtlich, traf. Ueberhaupt hatte diese Gemeinde für die elektrischen Strahlen am meisten Anziehung; noch im September fuhren sie hier zündend in einen Heustock; Knaben konnten indessen das Feuer löschen. – Gegen Mitte August sah man sich in einzelnen Gemeinden in den Winter versetzt. Aus Hagel und Riesel entwickelte sich den 11. dieses Monats ein förmlicher Schnee, der in kurzer Zeit nicht nur die Höhen, sondern auch die Felder bedeckte. Das Thermometer sank auf +3° R. herab. Wir erinnern uns keines Sommers, der so oft und so rasch die grössten Temperaturwechsel herbeiführte, wie der von 1864. Um so vollkommener war der milde Herbst und Vorwinter. Der Januar 1865 war theilweise stürmisch. Im Februar trat grosse Kälte und bedeutender Schneefall ein. Die grösste Menge Schnee fiel indessen erst in den letzten Tagen des März; die ältesten Männer konnten sich einer solch massenhaften Bescherung kaum erinnern. Man hegte ernstliche Befürchtungen auf den Frühling; aber der April that Wunder. Er brachte wie über Nacht den schönsten Frühling und räumte in merkwürdig kurzer Zeit mit dem Schnee gründlich auf, ohne dass irgendwo ein Wasserschaden eintrat. Am Ostermontag war das Thermometer schon höher gestiegen als je im Sommer 1864 und Mitte Mai bezog das Vieh schon die Vorweiden. Dem trockenen schönen Frühling folgte ein eben so schöner Sommer. Die beständig warme Witterung führte indessen Wassermangel und eine magere Heuernte herbei. Reichlichen Regen brachten dann die letzten Tage des Juli und der August, wodurch eine schöne Emdernte ermöglicht wurde. Dennoch wurde in Innerrhoden Heu um 50, in Gais sogar um 51 Fr. per Klafter [Anmerkung: Klafter ist ein historisches Längen-, Raum- und Flächenmass und entspricht der Spanne zwischen den ausgestreckten Armen eines erwachsenen Mannes. 1 Schweizer Klafter wurde auf exakt 1.80 Meter festgelegt] verkauft. Seit 100 Jahren soll kein solcher Frühling und Sommer vorgekommen sein. Wenigstens ist es noch nie erlebt worden, dass in einer der höchst gelegenen Gemeinden des Landes, im Garten des Pfarrhauses in Gais, Ende August vollkommen reife Spaliertrauben gepflückt werden konnten, wie das dieses Jahr der Fall war. Man zählte bis 14. September 100 Sommertage und das ganze Jahr hatte nach Angabe eines genauen Beobachters 169 helle Tage. Dennoch betrug die mittlere Jahrestemperatur nach derselben Quelle nur +5,85° R. – All’ dem setzte der Herbst die Krone auf mit seinen herrlichen Tagen, die früh einen delikaten Wein, aber so wenig Obst reiften, dass man z.B. für den Zentner Weinbirnen 10 Fr. und mehr bezahlte. Die Weinlese begann an einigen Orten vor Ende September. – Eben so ausgezeichnet war der Vorwinter; bis Ende des Jahres war von Schnee nicht viel zu sehen.

Quelle: Seiten 171 ff.

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