Das Appenzeller-Ländchen

„Der Reisende, welcher den Bodensee in Lindau erreicht, oder diese blassgrüne Wasserfläche durchkreuzt, um am Schweizerufer zu landen, muss wohl die kühnen Höhen im Süden bemerken, welche zwischen dem Eingang ins Rheinthal und den langen, wellenförmigen Hügelreihen des Kantons Thurgau hervorragen. Diese Höhen, unterbrochen von manch einem Thaleinschnitt und Hohlweg, sind die Gipfel eines Alpenlandes. Ueber den steil ansteigenden Plan zerstreute Häuser und Dörfer zeigen sich deutlich dem Auge. Das manigfaltige Grün von Wald und Weide wird nur selten vom Grau der Felsen unterbrochen. Die Strahlen der Nachmittagssonne berühren die neben einander liegenden Höhen und Bergrücken mit goldenem Lichte, so dass sie über den beschatteten Niederungen scharf hervortreten. Hinter und über dieser Region erheben sich festungsartig die zackigen Gipfel der Säntiskette, die im Sommer nur spärlich mit Schnee bedeckt sind.

Die grünen Höhen nächst dem See, mit dem links und rechts abfallenden Lande, gehören zu dem Kanton St. Gallen. Aber oberhalb, neben der durch die untergehende Sonne bezeichneten Grenze, liegt das „Appenzeller-Ländli“, wie es in der die Diminutiven liebenden deutschen Sprache genannt wird, was so viel heissen will als: Das kleine Land Appenzell.

Wenn ihr vom Bodensee aus nach dem Rheinthale und zu den Bädern von Ragatz und Pfäffers hinaufsteigt, dann westwärts zu dem Wallenstattersee euch wendet, das Toggenburg betretet und so den Fuss des Gebirgs umgangen habt, so seid ihr immer auf st. gallischem Boden geblieben. Appenzell ist eine von jenem Kantone vollständig eingeschlossene Berginsel. Von welcher Seite ihr euch dem Ländchen nähert, müsst ihr steigen, um hinauf zu gelangen. Es ist ein fast kreisrundes Ländchen, von Süden nach Norden abfallend, aber über die angrenzenden Gebiete erhaben. Diese Erhebung und Isolirung schliessen sowohl geschichtliche als physische Eigenthümlichkeiten in sich. Als nach Unterwerfung der Bevölkerung, die jetzt unter zwei verschiedene Kantone vertheilt ist, die Gewalt der st. gallischen Aebte immer mehr wuchs und immer drückender wurde, wagten die Hirten auf jenen Bergen, im Jahr 1403, den ersten Schlag für ihre Freiheit. Sie wahrten diese und gründeten eine naturwüchsige Demokratie, in Form und Geist dem Bunde ähnlich, welchen die innern Kantone fast ein Jahrhundert vorher geschlossen hatten. Ein Echo von der Grütliwiese gelangte in die wilden Thäler am Fuss des Säntis, und Appenzell war um die Mitte des 15. Jahrhunderts einer der Staaten, aus denen sich die schweizerische Eidgenossenschaft gebildet hat.

Ich finde etwas sehr Ergreifendes und Bewundernswerthes in diesem Bruchstück einer kaum erwähnten Geschichte. Das Volk dort oben schloss sich ab aus eigener That; es hielt zusammen, organisirte eine einfache, aber genügende Regierung und behauptete sich in seiner zähen Unabhängigkeit, während seine Brüder unten im Lande ringsherum in den Ketten priesterlicher Despotie noch länger seufzten. Die Freiheit des Einzelnen scheint eine von dem Bergleben unzertrennliche Bedingung zu sein; ist dieselbe gewonnen, so dienen alle äusseren Einflüsse nur dazu, den konservativen Charakter der Bewohner zu fördern. Die Kantone Unterwalden, Schwyz, Glarus und Appenzell haben bis auf diesen Tag die einfachen demokratischen Formen beibehalten, wie sie schon vor fast 600 Jahre im Geiste des Volkes wurzelten.

Bereits zweimal hatte ich von der Ebene aus hinaufgeschaut nach dem nördlichen Abhange der kleinen Bergrepublik, mit dem Wunsche und Entschlusse, eines Tages die grünen Pfeiler zu besteigen, welche sie auf allen Seiten stützen. An einem nebligen Morgen verliess ich in einer kleinen offenen Kutsche die Stadt St. Gallen, um nach Trogen zu fahren, überzeugt, es liege ein den meisten Reisenden noch unbekanntes Land vor mir. Der grösste Theil seiner Sommergäste sind Leidende, meistens aus der Ostschweiz und von Deutschland, welche dort oben zur Genesung Schotten und Ziegenmilch trinken, und obschon die Fabrikate des Landes in der ganzen Modewelt bekannt sind, giebt es doch wenige Reisende, die von der Hauptstrasse weg sich dorthin wenden. Der Wirth in St. Gallen sagte mir, seine meisten Gäste seien Handelsreisende, und meine nachherige Erfahrung unter diesem unverdorbenen Volke überzeugte mich, dass ich auf diesen Wegen wohl als einer der Vorläufer zu betrachten sei.

Es war der letzte Samstag im April, also für eigentlichen Reisegenuss wenigstens ein Monat zu früh. Aber am folgenden Tag war Landsgemeinde in Hundwyl, in der Weise und mit den gleichen Zeremonien, wie sie seit 3 bis 4 Jahrhunderten beobachtet worden sind. Dieser Umstand bestimmte die Zeit meines Besuchs. Ich wünschte den Charakter einer reinen alpinen Demokratie zu studiren, die das repräsentative Prinzip bis heute noch nicht sich angeeignet hat; ich wollte mit einem Theile des Schweizervolks zusammen sein, zu einer Zeit, wo es sich in seinem eigensten Wesen darstellt, lieber als mit herkömmlichen Handbüchern dasselbe auf Wegen beobachten, wo ausser den Naturschönheiten dem Auge so viel verborgen bleibt.

Schlechtes Wetter war hinter mir; es war, besorgte ich, auch vor mir. „Die Sonne wird die Nebel bald vertreiben“, sagte der Postillon, „und wenn wir dort hinauf kommen, werden Sie sehen, welche Aussicht wir geniessen.“ In dem reichen Thale von St. Gallen, aus welchem wir hinaufstiegen, waren die grünen Matten von den zerstreuten Häusern und von Gruppen und Reihen blühender Kirschbäume beinahe überdeckt. Allein auch zu beiden Seiten der ansteigenden Strasse breiteten sie sich aus; Blumen und Thau glänzte darauf im flüchtigen Sonnenstrahl. Ueber uns lagerten sich graue Nebelmassen, welche die nahen Hügel verhüllten und sich auf den Bodensee niedersenkten. Als wir durch diesen Nebelgürtel gelangt waren und uns des zunehmend klaren Himmels freuten, genoss ich, nach Norden hin, nur die Aussicht auf ein Nebelmeer. Nach vielen zurückgelegten Strassenwindungen, welchen entlang die blühenden und knospenden Bäume die Höhe so genau bezeichneten wie ein Barometer, erreichten wir endlich den höchsten Punkt der diesseitigen Grenze von Appenzell und den Kampfplatz auf Vögelinsegg, wo der Hirte zuerst seine Kraft mit dem Soldaten und Mönche gemessen und wo er gesiegt hat. „Wozugegen fand der Kampf statt?“ fragte ich den Postillon. „Unten und oben und allüberall hier“, sagte er, indem er auf der Höhe mit dem Wagen hielt. Ich schaute nach Norden. Von oben gesehen, zog sich der Nebel zusammen in dichte rundliche Wolkenmassen, ihr oberer Rand vom Silberglanz umsäumt. Sie hiengen über dem See und wälzten sich in jede Bucht und verbreiteten sich von Ufer zu Ufer, so dass auch nicht ein Streif Wasser sichtbar war. Aber über dieser drückenden Stille erhoben sich in der Ferne jenseits des Sees die Höhen der vier deutschen Staaten. Eine Alp im Vorarlberg erschien wie eine Insel am Himmel. Der Postillon äusserte laut sein Bedauern; ich aber fand das Gemälde am besten so, wie es war. [...]“


Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1868, S. 83 ff.

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