Leinwandfabrikation

„[...] Im vierzehnten Jahrhundert bürgerte sich auch bei uns die Mode ein, statt des langen Leinenkittels, des sogenannten Futterhemdes, das bis auf die Kniee reichte, Hemd, Hosen und Strümpfe zu tragen. Hanf und Flachs wurden angebaut, gesponnen und dann aus dem Gespinnste Leinwand für den eigenen Bedarf gewoben. Mit der Zunahme des Handels und der Industrie der benachbarten Stadt St. Gallen fing unsere weibliche Bevölkerung an, für dortige Fabrikanten und Weber zu spinnen und zu weben. In Folge des in St. Gallen herrschenden Zunftzwanges kamen die Appenzeller gar bald auf den Gedanken, für fremde Rechnung selbständig zu fabriziren und es führte der Flecken Appenzell, der damalige Hauptsitz unserer Regierung, bereits im Jahre 1414 eine Leinwandschau ein, an der die Tücher gegen Entrichtung einer gewissen Gebühr geprüft und gemessen wurden. Wir wissen aus den Chroniken, dass es schon vor dem Jahre 1480 „Webermeister und Fabrikanten“ in unserem Ländchen gab, welche für eigene Rechnung Leinwandstücke weben liessen, um solche an st. gallische Kaufleute oder Händler aus Nürnberg, Wien, Mailand u. s. w. zu verkaufen. Bereits vorher hatten Jost Jakob aus Schwyz und Kaspar Schumacher aus St. Gallen im Flecken Appenzell das Leinwandgewerbe eingeführt.

In Würdigung der Wichtigkeit der Industrie für unser von Natur aus armes Ländchen bewarb sich unsere damalige Obrigkeit im Jahre 1499 beim König von Frankreich für die Dauer von 10 Jahren um eine 10tägige Verlängerung der „Messfreiheiten“ in der Stadt Lyon, der damals für uns wichtigsten Handelsstadt, und erhielt sie auch. Im Jahre 1537 wurden in Appenzell und Herisau Handelsgesellschaften errichtet, die aber keinen längern Bestand hatten. Im gleichen Jahre führte Herisau eine wöchentliche Leinwandschau ein. In den appenzellischen Warenlagern fand man neben Leinwand auch Wollentücher, Damast, Seiden- und andere Stoffe, selbstgestickte Zeuge, indem der Plattstich schon seit den frühesten Zeiten bekannt war. Stetig entwickelte sich unsere Industrie, die Bevölkerung und der Wohlstand nahmen zu, bis im Jahre 1572 eine allgemeine Geschäftsstockung eintrat und der Handel in Leinwandtüchern beinahe erlosch. Ulrich von Brenden (Lutzenberg) und Georg Schläpfer von Wald liessen sich nicht irre machen und arbeiteten unverdrossen fort, auf bessere Zeiten hoffend. Diese blieben denn auch nicht aus. Infolge neuen Aufschwunges des Leinwandgewerbes wurden Webkeller eingerichtet und damit der Hausindustrie bis auf die heutige Zeit Bahn gebrochen.

Mit der Landteilung ging die Leinwandindustrie in den Innern Rhoden beinahe gänzlich ein; dieselbe verpflanzte sich in den protestantischen Teil, besonders nach Herisau und der damals bedeutenden Rhode Trogen, welche 1579 bereits 6 Garnhändler besass. Der Handel blühte in voller Kraft. Als im Jahre 1664 ein St. Galler Bürger den Herisauern sein Leinwandgewerbe in die Hand übergab, wurde er in Gefangenschaft gelegt und mit 25 Pfund Schilling gebüsst. Trogen errichtete im Jahr 1667 einen besondern Wochenmarkt für den Leinwandverkauf. Der damalige Gemeinderat erliess eine besondere Verordnung, welche sich im Gemeindearchiv vorfindet. Aus losen Blättern in diesem Archive geht hervor, dass damals neben Leinwand auch „Flor, Barchent und melirte Stücke“ auf den Markt kamen. Die „Schau“ wurde im Hause des Landammanns Jakob Zellweger abgehalten, wofür ihm fl. 6.36 an Stubengeld, seiner Magd fl. 1 Trinkgeld, seinem Sohne 48 kr., an Dekan Bischoffberger und jeden der übrigen Beisitzer 54 kr. bezahlt wurden. 1676 wurden daselbst nach einer Schaurechnung 1404 Stücke Leinwand verkauft und 1679 bereits 4518 Stücke. 1688 fing Landammann Zellweger selbst an, Tücher zu kaufen; er nahm 1693 seinen Sohn als Teilhaber ins Geschäft auf und ihr Umsatz betrug das erste Jahr bereits 801 Stücke. Ausserrhoden hatte damals 19804 Einwohner und die Bevölkerung nahm so rasch zu, dass sie 1734 bereits 34571 Einwohner zählte. Als Einnahmen des Kirchen- und Armengutes figurirt in den Rechnungen der Gemeinde Trogen in den Jahren 1734-1823 das Schau- und Messgeld von den daselbst erstellten, gekauften und verkauften Stauchen, halbdicken, dicken und doppeldicken, sowie farbigen Leinwandtüchern, eine Stempelgebühr von 3 bis 4 kr. bis 1786, von da an bis 1823 eine solche von 6-10 kr. Der Ertrag betrug fl. 35,647. 4 kr. Im Jahre 1823 fiel die Gebühr weg. Diese Zahlen sprechen deutlich genug für die Wichtigkeit unseres damaligen Leinwandhandels.

Durch die Einführung der Baumwollfabrikation einerseits und den Ausbruch der französischen Revolution, sowie der spätern Continentalsperre anderseits, erhielt die Fabrikation der Leinwand einen so empfindlichen Stoss, dass sie sich niemals wieder aufraffen konnte. Handel und Industrie lagen total darnieder. Grosse Vermögen gingen verloren und Trogen konnte sich seitdem nicht mehr von seinem damaligen industriellen Falle erheben.

Wie alles vergänglich ist, war es auch das Leinwandgewerbe und es gibt daselbst nur noch ganz wenigen Personen Verdienst. Laut der Statistik vom Kaufmännischen Direktorium in St. Gallen vom Jahre 1890 waren in unserem Ländchen nur noch 29 Webstühle für Leinwand in Betrieb.“

Quelle: Appenzellisches Jahrbauch 1892, S. 3 ff.

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