Volkswirtschaftliches

„Mit Sorgen und Bangen sah man allerorts im Schweizerland, nicht zuletzt auch bei uns im Appenzellerland dem dritten Kriegsjahre entgegen; es wurde von den einen ein teilweises, von andern ein gänzliches Stocken der Textilindustrie befürchtet. Doch es kam besser als man zu hoffen gewagt hatte; trotz der wirtschaftlichen Einschränkungen war die Lage immerhin noch erträglich und sogar der Kur- und Fremdenverkehr hatte ein besseres Jahr als das erste und zweite Kriegsjahr es waren. Solange Volk und Behörden treu zusammenhalten und sich ins Unabänderliche zu fügen verstehen, brauchen auch wir Appenzeller die Flinte noch nicht ins Korn zu werfen. Freilich, die Preise wichtiger Lebens- und Bedarfsartikel zeigten immerfort die Tendenz nach der Höhe. Eine am 19. Oktober aufgenommene Enquête ergibt folgendes Bild:

Die Milch kostete ins Haus gebracht durchschnittlich 25-26 Rp. Pro Liter; das Brot von stark dunkler Nuance der Fünfpfünder Fr. 1.28 bis Fr. 1.36, der Dreipfünder 79-85 Rp. Der Preis des Rindfleisches stieg von Fr. 2.20 bis Fr. 2.70 pro Kilo auf Fr. 2.80 bis Fr. 3.- und das Petroleum, das recht rar wurde, kostete pro Liter 40 Rp. Wiederum waren es die Notunterstützungen, für die grosse Summen verwendet wurden, welche manche bedrängte Familie über Wasser hielten und wo Hartherzigkeit und Geiz nicht triumphierten, wurden von vielen Arbeitgebern und auch von unsern Behörden Teuerungszulagen gewährt. Auch auf andere Weise kamen die Besitzenden zum Handkuss, so z.B. bei der Erhebung der Kriegssteuer und der Kriegsgewinnsteuer, zu welch’ letzterer alle Einzelpersonen und Erwerbsgesellschaften, die im Geschäftsjahr 1915 oder 1915/16 steuerbare Kriegsgewinne erzielt hatten, herangezogen wurden. (Die Ermittlung des bezüglichen Betreffnisses fällt ins Jahr 1917.) Die Kriegssteuer ergab im Kanton Appenzell die Summe von Fr. 721,000.-. Als Kriegssteuerverwaltung amtete die Finanzdirektion, als Einschätzungskommission die durch 3 Mitglieder erweiterte Landessteuerkommission, als kantonale Rekursinstanz der Regierungsrat. Das Ergebnis des ersten Einzuges beträgt etwas mehr als 2/3 des pflichtigen Betrages. Das dem Kanton zufallende Erträgnis steht mit Fr. 103,456.23 noch zur Verfügung.

 

Dass auch in der Kriegszeit die Dummen nicht alle werden, beweist ein krasser Fall von Wahrsagerei, der kaum für möglich gehalten werden könnte, wenn nicht die Akten des Obergerichtes hierüber offiziellen Aufschluss erteilt hätten. Wurde da eine Kartenleserin in Ausserrhoden von Bauersleuten aufgesucht und um Rat angegangen, weil ihr kaum halbjähriges Kind sich so schrecklich geberde und von bösen Geistern geplagt werde. Auch das Vieh im Stall sei besessen und „tue gar nicht recht.“ Flugs wurden die Karten befragt und Ratschläge erteilt, die eher ins Zeitalter der Inquisitionen passen würden, als in unsere „aufgeklärte“ Zeit. Die abergläubischen Bauersleute erhielten von der Kartenschlägerin und Wahrsagerin die Marschroute nach einem Nonnenkloster für’s Kind, und zu den Vätern Kapuzinern für’s Rindvieh. Aus den Akten hatte sich ferner ergeben, dass diese Frau die Wahrsagerei gewerbsmässig betreibe; sie wurde des qualifizierten Betrugs schuldig erklärt, mit 6 Tagen Gefängnis bestraft samt Herabsetzung in den bürgerlichen Ehren und Rechten für die Dauer eines halben Jahres und dazu erst noch zu einer Busse von 50 Franken verknurrt. Mit der Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens. An solches Zeug glaubt man noch im zwanzigsten Jahrhundert!“

Quelle: Seiten 172 ff.

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