Statthalter Johann Bartholome Rechsteiner

Statthalter Johann Bartholome Rechsteiner

"Es kann sich an dieser Stelle nicht darum handeln, die Ereignisse, die sich in jener aufgeregten Zeit der Auflösung aller Ordnung Schlag auf Schlag folgten, des Weiten und Breiten wiederzugeben, die von der Revolution zur helvetischen Konstitution, von dieser zur Zeit der Helvetik, die kein besonderes Ruhmesblatt unserer Bundesgeschichte bedeutet, und von dieser zur Mediationszeit überleitete. Es mag nur betont werden, dass Rechsteiner, der ein ausgesprochener Anhänger der alten Ordnung war, als Statthalter in dieser wildbewegten Zeit einen überaus schwierigen Stand hatte, da gerade ihm als Vertreter des Landammanns, den Kränklichkeit und Unentschlossenheit an der richtigen Besorgung seines Amtes hinderten, in der Leitung der Staatsgeschäfte die Hauptaufgabe zufiel, wobei er es natürlich nicht allen recht machen konnte, am allerwenigsten der Wetterschen Partei und Bondt und seinen Anhängern, die ihr Haupt immer kecker emporhoben. Rechsteiner war ein Hauptgegner der Konstitution. Der französische General Schauenburg stellte die Appenzeller vor die Alternative: Entweder Annahme der Konstitution oder aber Besetzung des Landes. Eine Volksversammlung vom 18. April 1798, die auf dem Ebnet in Herisau stattfand, entschied sich für ersteres, während die Landsgemeinde von Trogen die Konstitution verwarf und sich zur Gegenwehr rüstete. Ein gemeinsamer Kriegsrat wurde gewählt, der Landsturm aufgeboten und die beiden Standeshäupter Landammann Oertli und Statthalter Rechsteiner mit dessen Führung betraut. Dies ging nun aber gegen ihren Strich. B. Tanner schreibt hierüber: "Er sah die Gefahr, welche für ihn durch Uebernahme dieser Stelle erwachsen würde, fühlte die Schrecken und die Fruchtlosigkeit eines Bürgerkrieges in dem Momente, wo das Bollwerk der Schweiz, Bern, Freiburg und Solothurn, bereits von den überall siegreichen Franken darniederlag; auf der andern Seite drohte ihm durch Ausschlagen dieser Stelle Lebensgefahr."

Rechsteiners Flucht

Statthalter Rechsteiner suchte mit einigen Gleichgesinnten, Landammann Oertli, Landsfähnrich Joh. Konrad Tobler u.a., sein Heil in der Flucht, um dem blutigen Bürgerkrieg zu entgehen, und im Oesterreichischen die Zeit abzuwarten, da wieder ruhigere Verhältnisse eintreten würden. Diese Männer schreckten zurück vor den kommenden Ereignissen, nachdem selbst ihre früheren getreusten Anhänger ihnen Achtung und Gehorsam öffentlich verweigert hatten. Die Lust zum Regieren verging ihnen; mit Gewalt waren die Aufrührer in die Ratsstube eingebrochen und hatten Recht und Gesetz mit Füssen getreten. Am 21. April 1798, nachdem er seine Siebensachen und Kostbarkeiten zusammengepackt hatte, flüchtete Rechsteiner mit Landammann Oertli über den Rhein, ihnen schlossen sich die Zellweger von Trogen, Landweibel Zähner, "sowie viele andere angesehene Leute aus dem Land, sowohl Manns- als Weibsperson, an, die sich nicht mehr getrauten, im Land zu bleiben, auch wurde mit Waren und Mobilien stark über See und Rhein geflüchtet".

Von Lustenau aus reichte Statthalter Rechsteiner mit seinen Kollegen die Demission als Mitglied der Obrigkeit ein; das Schreiben wurde dem versammelten Landsturm vorgelesen und verursachte eine derartige Verwirrung, dass der Auszug unterblieb, nachdem die kampflustigen Mannen ihrer Führer sich beraubt sahen. [...].

Es mag nun auffallen, wie Statthalter Rechsteiner, anfänglich ein geschworener Gegner der Konstitution, nun auf einmal dazu kommt, deren Annahme "als einzige Rettung des Vaterlandes" zu empfehlen. Er mochte eingesehen haben, dass auch er gegen die Macht der Verhältnisse nicht mehr anzukämpfen vermochte und er hat demnach vor ihr kapituliert.

An der Landsgemeinde vom 6. April alten Stils, die von Zeugherr Sturzenegger geleitet wurde, kam dieses Rechtfertigungsschreiben zur Verlesung; es erregte aber nur Unwillen. Die Schuld alles Unheils wurde auf die Obrigkeit geschoben, welche denn auch in corpore ihres Amtes entsetzt wurde. Von Lustenau hatte sich der grössere Teil der Flüchtlinge nach Lindau begeben, wo sie die Wiederkehr normaler Verhältnisse in aller Ruhe abwarteten. Unter ihnen befand sich auch Statthalter Joh. Georg Merz von Herisau, der in seiner Selbstbiographie bemerkt: "In diesem folgereichen Jahr (1798) flüchtete ich samt meinem Warenlager nach Rheinegg und Lindau, bis die Wut des Pöbels sich gelegt hatte."

Den 8. Mai 1798 hatte der ganze Kanton, durch äussere Umstände gezwungen, die Helvetische Konstitution angenommen und damit verschwand der Kanton Appenzell aus der Reihe der selbständigen Republiken, indem er mit dem grössern Teile des heutigen Kantons St. Gallen vereinigt wurde. Mit der Annahme der Konstitution begann dann auch die Periode der Helvetik, die bis zum Jahre 1803 dauerte. Mit der wiedergekehrten Ruhe und Sicherheit in der alten Heimat kehrten die Flüchtlinge, unter ihnen Rechsteiner, wieder zurück, letzterer jedoch nur, um einer neuen Gefahr zu entgehen."

Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1918, S. 87 ff.

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