Gottlieb Suhner von Urnäsch

Dieses Jahr jährt sich der der Todestag von Gottlieb Suhner, der Gründer und Schöpfer der damaligen Draht-, Kabel- und Gummiwerke in Herisau, zum 100. Mal. Zu seinem Andenken wurde im Appenzellischen Jahrbuch 1920 ein Auszug aus seiner im 75. Lebensjahr noch selbst verfassten "kurzen Lebensbeschreibung" abgedruckt:"

1. Die Jugend

Gottlieb Suhner erblickte das Licht der Welt am 27. November 1842 in Stein, herwärtigen Kantons. Seine Eltern waren Hans Jakob Suhner und Anna Barbara Alder. Er war der einzige Sprössling aus der zweiten Ehe seines Vaters. Aus seinen ersten 12 Jugendjahren weiss er nicht viel Günstiges zu berichten. Das elterliche Heimwesen musste im Nachsommer des Jahres 1854 verlassen werden und der Vater wurde im Armenhaus Urnäsch untergebracht, wo er noch im gleichen Jahre starb. Die Mutter musste selbst eine Unterkunft suchen und der 12jährige Gottlieb wurde ins Waisenhaus nach Urnäsch spediert. Es war um Mitte August und gerade Urnäscher-Kilbi, als er auf einem Wägelchen und vom Regen gehörig durchnässt durch das Dorf Urnäsch gefahren wurde. Ein Vierteljahr später hat ihn dann die Schwester seiner Mutter, welche in Hundwil verheiratet war und mit ihrem Mann ein kleines Heimwesen bewirtschaftete, zu sich genommen. Im Spätsommer 1855, als es schon bestimmt war, dass Gottlieb Mechaniker werden solle, kam er für kürzere Zeit nochmals zu seiner Mutter nach Hargarten, Gemeinde Stein, wo er noch die gewünschte Gelegenheit erhielt, das Plattstichweben zu erlernen. Und nun beginnt

2. Die Lehr- und Wanderzeit

Anfangs November 1855, also 13jährig, bezog unser Gottlieb die "Universität", d.h. die Lehre bei Mechaniker Strickler, im Gmeinwerk zwischen Sonder und Hargarten, Gemeinde Stein App., wo er in der Hauptsache mit der Fabrikation von Plattstichblatten und mit andern exakten Mechanikerarbeiten beschäftigt wurde, da der Lehrmeister Eichmeister des Kantons Appenzell A.Rh. war und mit der Umänderung von Mass und Gewicht viel zu tun hatte. Gottlieb machte eine strenge, aber gute Lehre durch; er hatte auch die Genugtuung, dass der Lehrmeister seine Arbeit schätzte und sich sogar mit ihm beriet, wenn ausserordentliche Arbeiten aussergewöhnliche Einrichtungen erforderten. Nicht wahr: "Die Jugend zeigt den Mann, Gleich wie der Morgen den Tag verkündet." Im Jahre 1859, am Sonntag vor Pfingsten, wurde Gottlieb konfirmiert und schon folgenden Tages zog er, mit Ziel Zürich-Basel, als Feinmechaniker auf die Wanderschaft, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Fast den ganzen Weg machte er zu Fuss, aber nirgends war Arbeit zu finden. Auf Pfingsten traf Gottlieb in Bern ein, wo er dann endlich Arbeit fand und zwar zunächst auf Laden- und Fensterbeschläge, dann von Neujahr 1860 ab auf Schlösser für Zimmertüren. Im Sommer 1860 reiste er weiter und fand in Morges, Kt. Waadt, Arbeit auf schmiedeiserne Kochherde. Im Frühjahr 1861 zog es ihn wieder in die deutsche Schweiz. Er reiste teils per Bahn, und teils zu Fuss dem Wallis zu und über die Gemmi und landete 6 Wochen nach dem grossen Brand von Glarus (10. Mai 1861) in diesem Flecken. Er fand Arbeit bei einem jungen Schlossermeister Milt und beschäftigte sich vorzugsweise mit der Anfertigung von exakten Fensterbeschlägen mit messingenen Kästchen. Dabei arbeitete er auf Akkord und konnte sich ein schönes Stück Geld verdienen. Am 20. April 1862 verliess er Glarus und wanderte zu Fuss über Altdorf, Erstfeld, Göschenen, Andermatt und über den Gotthard ins Tessin hinunter bis nach Locarno. Von hier per Schiff und Bahn nach Mailand und Venedig und nach zweitägiger Besichtigung der Sehenswürdigkeiten dieser hochinteressanten Stadt nach Triest, dann wieder zu Fuss Wien zu, wo er nach 16 tägiger Reise eintraf und nach einer Woche Umschau Arbeit in einer Maschinenfabrik fand. Hier in Wien erkrankte dann Gottlieb an Typhus. Er hatte dabei durch seinen freundlichen Gastgeber wohl ein schönes Zimmer mit sauberm Bett erhalten, aber sonst war er ganz sich selber überlassen. Zu dieser harten Prüfung äussert Herr Suhner sich mit nachstehenden Worten: Es war dies eine schwere Zeit für mich. Ohne jede Pflege und überhaupt keinen bekannten Menschen um mich, lag ich etwa 4 Wochen meistens in starkem Fieber, dazu die stetige Diarrhoe und dadurch bedingte stetige Abnahme des Körpers und der Kräfte. Ich war am Rande meines Grabes! Doch endlich stellte sich langsame Besserung ein, so dass ich mit Anfang November 1862 allerdings elend, abgemagert und totenbleich das Bett verlassen und mich in kleinen Spaziergängen erholen konnte. Nach kurzer Zeit fing ich wieder an zu arbeiten, um die Kosten des Arztes und der Medizin bezahlen zu können. Doch weiteres Unheil war im Anzug. Kurz vor Neujahr 1863 wurde vielen Arbeitern, sowie auch mir wegen Arbeitsmangel gekündet. Was nun beginnen? Ich eröffnete einigen Schweizerkollegen meine Not, verkaufte einem derselben meine Uhr für 20 Gulden und trat damit hocherfreut die Heimreise an. Mein Geld langte bis Rorschach. Von da an reiste ich wieder zu Fuss nach Hundwil, wo ich zu Neujahr 1863 bei meinen Eltern (die Mutter hatte sich wieder glücklich verheiratet) mit Liebe und Freude begrüsst und bis zur vollen Erstarkung und Gesundung gepflegt wurde. Meine frühere Reise- und Wanderlust war vollständig verschwunden. Drei und ein halbes Jahr war ich in der Fremde, nun hatte ich genug und machte Schluss mit dem Wanderleben.

3. Geschäftsgründung und frohe Geschäftsentwicklung

Zunächst trat Herr Suhner wieder bei seinem frühern Meister Math. Zürcher in Herisau in Arbeit. Im Frühjahr 1864 entschloss er sich, ein eigenes Geschäftchen zu gründen. Er machte die Zeichnung für eine kleine Drehbank, liess das Modell dafür anfertigen und den Guss in der Giesserei St. Georgen erstellen. Zu Anfang April waren Drehbank und Werkzeuge fix und fertig; es wurde eine kleine Werkstatt bei Schreiner Signer in der Mühle, Herisau, gemietet und mit Fabrikation von Plattstichblatten und dann namentlich "Spickplatten" volle und gute Beschäftigung erlangt. Sein Geschäftsgrundsatz war: "Nur das Beste ist gut genug". Er machte sich jeden Tag zur Pflicht, nur ganz exakte Arbeit zu liefern und nur damit, so äusserte er sich später oft, ist es ihm je und je gelungen, seine Geschäftsfreunde und Auftraggeber voll und ganz zu befriedigen und die Zahl derselben stetig zu vermehren. Bald war die Einstellung eines Arbeiters nötig. Im Winter 1864/65 hat sich Herr Suhner dann mit der Tochter des Schreinermeisters Signer verlobt, am 30. April 1865 feierte er die Hochzeit und ein Jahr später konnte er seine kleine Werkstatt mit derjenigen seines Schwiegervaters vertauschen und sein Geschäft, das sich zusehends entwickelte, nach Bedürfnis erweitern. Seine Werkstatt wurde in der Folge der Kristallisationskern für sein grosses und vielen Arbeitern lohnende Beschäftigung bietendes Geschäft. Herr Suhner verstand es, mit den Fabrikanten gute Fühlung zu halten und sich den Bedürfnissen der Fabrikation anzupassen. So ging er Schritt für Schritt über zur Konstruktion der sogenannten "Nadelgätter" für die 3 ½ Stab breiten Webstühle zur Herstellung von Stickböden mit Kreuzgrätli, dann zur Konstruktion eines sehr gut und automatisch funktionierenden Festonapparates, weiter zur Herstellung eines Bohr- und Stüpfelapparates, der ganz seine eigene Erfindung war. Und als es mit der Stickerei gegen Ende der Siebziger Jahre raschen Schrittes bergab und die Fabrikation der erwähnten Ergänzungsapparate zurückging, verlegte sich Herr Suhner rasch entschlossen auf die Ferggerei in feiner Stickware. Nachdem alsdann Herr Suhner im Jahre 1892 ein Drahtgeschäft in Basel ankaufen und dasselbe auf den 1. Mai 1892 nach Herisau verbringen konnte, wurden die Stickmaschinen wieder entfernt und in die mechanische Werkstätte wieder neues Leben gebracht. Aber auch neue Sorgen brachen an. Das Geschäft erwies sich als zu klein, die Maschinen als unzureichend. Herr Suhner ging mit unermüdlicher Arbeit und der ihm eigenen Energie daran, selber eine Anzahl leistungsfähiger Maschinen zu erstellen, die in einem neuen Geschäftsraum untergebracht wurden. Und nun war das Geschäft auf einen gesunden Grund gestellt, leistungs- und entwicklungsfähig, und finanziell gesichert und Herr Suhner genoss die Früchte seiner Ueberlegungen, seines Denkens und seiner allseitigen beruflichen Ausbildung. Er lebte ganz seinem aufblühenden Geschäfte und wurde durch diese Konzentration von Erfolg zu Erfolg geführt.Mit seinen Arbeitern hatte Herr Suhner, der durchaus sozial dachte, ein sehr gutes Verhältnis. Jedesmal, wenn wieder 1000 Apparate fertig waren, veranstaltete er mit seinen Arbeitern irgend einen Geschäftsausflug, welcher sich jeweilen zu einem schönen Festtag gestaltete und das freundliche Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer festigte. Er war der erste Industrielle in Herisau, der einem Teil seiner Arbeiter in neu erbauten, sonnigen Häuschen frohmütige und gesunde Wohnungen zur Verfügung stellte. Seinen Arbeitern war er stets auch ein väterlicher Berater. Erst im Jahre 1898 schaffte sich der vielbeschäftigte Mann dadurch Erleichterung im Geschäft, dass er seinen künftigen Schwiegersohn, Herrn Jul. Rob. Hohl, ins Geschäft in Herisau, und seinen Sohn, Herrn Otto Suhner, als Leiter der in Brugg, Kt. Aargau, errichteten Fabrik ins Geschäft aufnahm. 8 Jahre später, am 1. Mai 1906, ist dann sein jüngster Sohn, Herr Berthold Suhner-Lutz, an Vaters Statt ins Geschäft in Herisau eingetreten und die Fabrik in Brugg an Herrn Otto Suhner übergegangen.

4. Der Lebensabend

Vater Suhner zog sich hierauf nach einem arbeitsreichen Leben in den Ruhestand zurück, bezog sein liebes, selbst erbautes Heim Schönbühl in Küssnacht und freute sich ab und zu bei Besuchen in Herisau der steten, erspriesslichen Weiterentwicklung seines Lebenswerkes. Es war ihm das Glück beschieden, in der zweiten Frau wieder eine liebe, feinsinnige Lebensgefährtin zu finden und mit ihr bei guter Gesundheit noch eine Reihe von Jahren geniessen zu dürfen. Am 9. Oktober 1918 erlitt er bei einer Installationsarbeit im eigenen Hause einen Unfall, der zur grossen Betrübnis seiner Familie seinen raschen Tod herbeiführte. Vater Suhner ist gestorben, er hat aber in weitblickender Weise dafür gesorgt, dass sein Lebenswerk in Herisau zur Freude seiner Familie und zum Segen der Gemeinde fortlebt. Ehren wir sein Andenken!"

Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1920, S. 104 ff. 

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