Jahresversammlung 1941

"Führt den Schatz vor!"

"Obwohl die Jahresversammlungen der "Gemeinnützigen" altem Usus gemäss stets im Oktober/November stattfinden, kommt es nicht gar so selten vor, dass nicht das Sonnengold des Spätherbstes die äussere Umrahmung ihrer Tagung bildet, sondern das glitzernde Weiss eines verfrühten Vorwintertages. Als wir vor zehn Jahren in Heiden tagten, da war es sogar noch weit schlimmer; denn damals fiel in der Nacht zuvor ein solcher "Klapf" Schnee, dass sogar das Postauto stecken blieb, von andern Vehikeln gar nicht zu reden, und der Tagungsort war darob derart deprimiert, dass er sich in kalten, düstern Nebel hüllte, was allerdings der Stimmung der stattlichen Schar der Unentwegten, die dennoch erschienen, keinen Eintrag zu tun vermochte. Ist aber ein solch vorzeitiger Wintereinbruch nicht zu vermeiden, dann ist es schon angenehmer, der vorwitzige Geselle präsentiere sich von der Seite, wie es dieses Jahr im Weissbad der Fall war, in leuchtendem, unberührtem Weiss vom Talesgrunde bis hinauf zu den im Sonnenglanze strahlenden Zinnen und Zacken der Berge. So war es denn nicht zu verwundern, dass die Tagung der "Gemeinnützigen" ihre alte Anziehungskraft auch diesmal unter Beweis stellt und ihr Präsident, Herr Oberst Ruckstuhl, etwas nach 11 Uhr im heimeligen Saale des Kurhauses mindestens 80 Mitglieder und Gäste begrüssen konnte. Seine gediegene Eröffnungsrede bildete denn auch den würdigen Auftakt zu den Verhandlungen. Einleitend kommt der Redner auf die gegenwärtigen furchtbaren Kriegsgeschehnisse zu sprechen, deren Rückwirkungen auch unser Land in mancher Hinsicht zu spüren bekomme, wenn uns auch ein gütiges Geschick die eigentlichen Schrecknisse des Krieges bis anhin gnädig erspart hätte. Trotzdem könne und dürfe sich die Schweiz nicht auf einer Insel wähnen, auf der uns das Geschehen in der Umwelt nichts angehe: "Ich möchte betonen - so führt der Vorsitzende aus -, dass wir aus den bisherigen Ereignissen Lehren zu ziehen haben, aber nicht etwa in dem Sinne, dass es nun hiesse, zu Kreuze zu kriechen. Gleichzeitig hat man sich aber auch vor Überheblichkeit zu hüten; denn die Welt steht nicht still, und wer da glauben wollte, wir hätten für unsere Zukunft keine Probleme zu lösen, unsere Aufgabe bestehe allein in der Bewahrung, der würde einen ebenso grossen Irrtum begehen wie der, der die ganze Schweiz in Brand stecken möchte, um sie neu - und wie er meint - schöner und besser wieder aufbauen zu können. Das Leitmotiv unseres Handelns heisst auch für die Zukunft: Vorsorge und Fürsorge. Vorsorge in dem Sinne, dass wir uns darüber Rechenschaft geben, wie die uns zur Verfügung stehende Gütermenge immer kleiner werden kann und dass daher Sparsamkeit, Einschränkung und Beschneidung gerade in allem Notwendigen das Gebot der Zeit ist. Fürsorge aber werden wir allen denen entgegenbringen müssen, die durch die Zeitlage stärker getroffen worden sind als wir selbst, ganz besonders aber auch für unsere Wehrmänner und deren Familien." (Es folgt die offizielle Versammlung gemäss Traktanden.) [...] Da die Dikussion nicht weiter benützt wird und der Herr Ratschreiber Dr. Tanner auf das Schlusswort verzichtet, schliesst der Präsident den geschäftlichen Teil der Tagung und übergibt für den zweiten Teil das Scepter des Tafelpräsidiums Herrn Dr. med. Hildebrand in Appenzell. Derselbe betont in seiner Begrüssungsansprache während des Mittagessens, dass er stets dafür eingetreten sei, dass die beiden Halbkantone auf manchen Gebieten zusammenarbeiten müssten, besonders in Verkehrs- und Eisenbahnfragen; auch auf dem Gebiete der Gemeinnützigkeit könne dies der Fall sein. Die Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft übe ihre Gemeinnützigkeit, ohne viel Lärm zu machen. Damit übe sie richtige Nächstenliebe und Nächstenfürsorge. Den Beweis dafür lieferten auch die heutigen Verhandlungen. Sie möge in diesem Sinne weiter blühen, gedeihen und arbeiten. Hierauf ersucht das Tafelpräsidium Herrn Redaktor Jakober, der die Aufgabe hatte, für Unterhaltung zu sorgen, nunmehr den "Schatz" vorzuführen. Er tat es in der Person der aus dem Filme "I ha en Schatz gha" allgemein bekannt gewordenen Marie Sutter im "Löwen" zu Appenzell, die zusammen mit ihrer Schwester und einer Streichmusik für urwüchsige, gesangliche, musikalische und humoristische Unterhalten sorgte. [...]

Quelle: Auszug aus dem Protokoll der 109. Jahresversammlung der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft vom Montag, den 3. November 1941 im Kurhaus "Weissbad" bei Appenzell.