Ernst Graf

Ein Pionier der Brass-Bewegung

Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, ein Speicherer habe die Schweizer Blasmusikszene teilweise umgekrempelt. Ernst Graf, in Speicher aufgewachsen und viele Jahrzehnte hier wohnhaft, brachte von einem beruflich begründeten Aufenthalt in Nordirland die Begeisterung für die Brass Band zurück in die Heimat. Nachdem er das bereits einmal ausgeübte Dirigentenamt beim Musikverein wieder übernommen hatte, leitete er dessen Aufschwung von ungeahntem Ausmass ein.

Der Schweiz den Marsch geblasen

Das Musikgen scheint in der Familie Graf offensichtlich angelegt gewesen zu sein. 1909 wurde Johannes Graf Dirigent der Speicherer Dorfmusik, die damals noch als Musikgesellschaft unterwegs war. 25 Jahre lang leitete er das zu jener Zeit noch ausschliesslich männlich besetzte Korps. 1934 reichte er den Taktstock seinem Sohn Ernst weiter. Diese Nachfolge währte allerdings nur ein Jahr. Wirtschaftliche Gründe bewegten Stickereientwerfer Ernst Graf, 1935 nach Nordirland zu übersiedeln, wo er eine berufliche Existenz fand. Bald schon trat er Brass Bands bei, diesen im angelsächsischen Raum hoch im Kurs stehenden Blasmusikformationen in reiner Blechbesetzung. Im Städtchen Lurgan, unweit von Belfast, war Ernst Graf massgeblich am Entstehen der Lurgan Military Band beteiligt, eines Korps, in dem er unter dem Namen Ernie Graff ebenfalls musikalisch den Takt vorgab.
1947 kehrte Ernst Graf ins Appenzellerland zurück und übernahm alsbald wieder den Posten des Dirigenten beim mittlerweile als Musikverein Harmonie Speicher auftretenden Stammverein. Er gab die Initialzündung, von der Harmoniebesetzung abzurücken und auf Blechbesetzung nach britischem Muster umzustellen. Diesen Schritt vollzog der Musikverein 1957, womit sukzessive ein steiler Aufstieg begann. Ernst Graf verstand es, die Musikanten zu begeistern und sie zu Höchstleistungen anzuspornen. Bei den Bewertungen an den Musikfesten resultierten immer bessere Noten, und der Musikverein Speicher wurde in der ganzen Schweiz bekannt. Auch das Radio wurde auf den Dorfverein aufmerksam. Den absoluten Höhepunkt erreichte man anlässlich der Teilnahme am Eidgenössischen Musikfest 1971 in Luzern. Im grossen Saal des Kunsthauses brach das Publikum in Begeisterungsstürme aus und sogar die Kampfrichter hielt es nicht mehr auf ihren Stühlen. Es folgten Schallplattenaufnahmen und Auftritte im Fernsehen.
Bis 1980 blieb Ernst Graf Dirigent des Musikvereins Speicher. Dann trat sein Sohn Karl in die väterlichen Fussstapfen. Am 25. November 1992 brachte der Musikverein seinem unterdessen ins Altersheim gezogenen und gesundheitlich schwer angeschlagenen Ehrendirigenten ein Ständchen. Als er es beendet hatte, kam die Kunde vom Hinschied Ernst Grafs.