Dorli Morf

Mittagessen für Fr. 3.40

Ida Oertle ist aber nicht «nur» Wirtin. Sie steht auch am Herd der «Krone», und das jeden Tag. Einen Wirtesonntag kennen Oertles nicht, und dem Personal ist der Begriff «Zimmerstunde» ein Fremdwort. Noch immer hat Dorli Morf jene Zeit präsent, da die Gäste ein Mittagessen für drei Franken und vierzig Rappen aufgetischt bekamen. «Der Mutter war es fast ‹gschmuech›, als sie die Preise erhöhen und zwanzig Rappen mehr heuschen musste», weiss sie noch, als wäre es gestern erst gewesen. Nun, dem Zulauf zur «Krone» können Preisaufschläge nichts anhaben. Viele Kurgäste beziehen dort Quartier oder kehren einfach ein, wenn sie für Konsultationen bei einem Natur- oder bei einem Zahnarzt nach Speicher kommen. Zu ihnen zählt auch Herbert von Moos, der den Kanton Bern von Ende 1939 bis in den Frühling 1941 im Nationalrat vertritt und in Speicher den Fähigkeiten eines Naturarztes vertraut. «Wir mussten bei der Ankunft jeweils seine Koffer am Bahnhof abholen und bei der Abreise wieder hintransportieren. Als Lohn erhielten wir jedes Mal einen Fünfziger», rapportiert Dorli Morf über die Zunahme des Taschengeldes in ihrer Jugendzeit. Besonders gute Erinnerungen hat sie an einen Kurgast, der seine Sympathie ihr gegenüber als selbsternannter Götti zum Ausdruck brachte und sie bei jedem Besuch reichlich beschenkte.

Ins Dorf der Jugend zurückgekehrt

Für die Sonnengesellschaft ist die «Krone» nach wie vor das Stammhaus, wo sie ihre Versammlungen und Zusammenkünfte durchführt. «Auch noch zu meiner Zeit konnten ausschliesslich Männer Mitglied der Sonnengesellschaft werden. Wer im Dorf etwas auf sich hielt, gehörte dazu. Mir kam sie immer als eine Art besserer Gesellschaft vor», blendet Dorli Morf zurück.
Sie ist, nachdem sie viele Jahre in St. Georgen gewohnt hat, ins Dorf ihrer Jugend zurückgekehrt und lebt heute unweit der «Krone» im Hof Speicher, wo es ihr sehr gut gefällt. Sie ist auch in hohem Alter noch mobil und fährt oft nach St. Gallen. «Dass die ‹Krone› nicht mehr in Familienbesitz ist und ich nicht Wirtin wurde, habe ich nie bedauert. Gleichwohl kommt hin und wieder Wehmut auf, wenn ich am Haus vorbeigehe und daran denke, in welchem Masse die ‹Krone› meine Jugend prägte.»