Über die Krankenpflege im Kanton Appenzell, mit Berücksichtigung der Spitalfrage

„[...] Wie man sich vor vielen Jahren begnügte, Verwirrte einfach einzusperren oder festzubinden, wie man kein Bedürfnis nach eigenen Schulhäusern hatte, ja wie man in früheren Zeiten für kriminalisirte Verbrecher nichts Besseres wusste als körperliche Züchtigung, Prangerausstellung, Strang und Schwert – während man jetzt ein Bedürfnis nach Schulgebäuden, Irrenhäusern und Korrektionsanstalten hat, - ebenso wird die Zeit kommen, da man mit der jetzigen Art der Krankenverpflegung nicht mehr zufrieden sein, sondern nach Spitaleinrichtung rufen wird.

V. Was kann und soll bezüglich eines Spitals bei uns gethan werden?

Wenn wir zu der Frage kommen: Was soll Ausserrhoden auf diesem Felde thun? – so ist die Antwort in Beziehung auf die Ausführbarkeit keine leichte. Dass bei uns gegenwärtig schon diesfalls gehandelt werden sollte, ist gewiss. Wenn wir zaubern könnten, so müsste uns ein Kantonsspital her.

Ein Kantonsspital ist für eine ganze Bevölkerung ein erhebendes und tröstliches Werk edler Menschlichkeit. Aber es ist nicht bloss ein köstliches, sondern auch ein «kostbares» Ding. Unter 250,000 Franken liesse sich für unser Land nichts Rechtes erstellen. Woher aber die Mittel nehmen und nicht stehlen wie der heilige Krispin? Wir wissen’s nicht: es ist auch kein öffentlicher Fond vorhanden, der brach läge. Wir haben freilich eine Quelle und die heisst: Freiwilligkeit, Opferfähigkeit; aber diese müsste voraussichtlich eine lange Reihe von Jahren fliessen, bis eine Verwirklichung des Projektes ermöglicht würde, abgesehen davon, dass diejenigen Kantonstheile, welche die meisten Opfer brächten, auch wieder das meiste Anrecht auf den Ort des Spitals prätendiren würden.

Es sagt ein Sprüchwort: Das Bessere ist der Feind des Guten, oder vielmehr des Besten! Es ist etwas Wahres daran, aber dennoch halten wir dafür, es sei besser, in diesem Fache etwas zu thun als gar nichts. Deshalb würden wir vorschlagen (neben Krankenstuben in jeder Gemeinde), auf Gründung von Bezirksspitälern Bedacht zu nehmen. Wir meinen hiemit nicht grosse, neue Gebäude mit kostspieligen Einrichtungen, wir wären vorderhand mit bescheidenen Anfängen zufrieden, mit Krankenasylen, zunächst für die Bewohner der betreffenden Gemeinde berechnet, zu welchen aber auch Kranke von umliegenden Gemeinden Zutritt hätten, zufrieden, hoffend, «Dass die Saat entkeimen werde zum Segen nach des Himmels Rath.»

Wenn sich einmal das Institut dieser Art Krankenversorgung im Leben eingebürgert hat und seine enorme Wichtigkeit von Arm und Reich eingesehen wird, so wird es an einer Ausführung im Grossen im geeigneten Momente wohl nicht fehlen.

Herisau hat den Anfang gemacht und zwar bloss mit einem Kapitale von ca. 15,000 Franken [Hievon sind 10,000 Fr. Vermächtnis des Hrn. Altstatthalter J. Ulrich Schiess sel., 5000 Fr. freiwillige Beiträge. Das Gebäude ist Eigenthum eines Privaten.]; es hat einen kleinen Spital gegründet, das 20 bis 24 Betten in sich fasst. In erster Linie ist es für die Bewohner dieser Gemeinde berechnet, doch werden, soweit es der Raum gestattet, auch auswärts Wohnende aufgenommen. Die Kosten der Anstalt sollen, wenn immer möglich, durch die Verpflegungsgelder herausgebracht werden. Die Auslagen für die in Pflege genommenen Kranken, 1 Fr. 25 bis 1 Fr. 50 Rp. per Tag, sind so niedrig, dass es für einen, der der Operationen, Medizinen und öfterer Besuche bedarf, eine wahre Ersparnis ist im Vergleiche mit den Kosten der Privatbehandlung.

In Trogen ist der Keim zu einem Mägdekrankenasyl gelegt. Teufen hat jetzt schon etwas von spitalartiger Einrichtung; die Sache hat dort Bestand und ist eine Zierde der Gemeinde. Heiden, das reichbegüterte, folge nach. Durch Beiträge, Vermächtnisse, durch Verwendung der am Bettage fallenden Kirchensteuer könnte sich auch ein anfangs kleiner Fond ansammeln, dadurch mehr leisten und durch den erleichterten Gebrauch populär werden. Mögen somit gewisse Gemeinden in den 3 Bezirken unsers Landes sich die Einführung einer rationellen, umfassenden, mit den Erfindungen der Neuzeit Schritt haltenden Spitalpflege zur Aufgabe machen und auf solche mildsegnende Weise die Vororte ihrer Bezirke werden! Mögen in nicht zu ferner Zeit sich auch im Appenzellerlande Spitalbauten erheben, und zwar solche, wie sie dem Zwecke, der Würde und Wichtigkeit der Sache angemessen sind!»

Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1870, S. 73 ff.

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