Die Viehzucht in unserm Kanton

"[...] Der Kanton Appenzell Ausserrhoden besitzt in runder Zahl einen Viehstand von 15'000 Stück (nach der eidgenössischen Zählung im Jahr 1866 genau 14'963 Stück). Sie gehören fast ohne Ausnahme der sogenannten braunen Rasse an, in welcher wir drei verschiedene Schläge unterscheiden:

1) den Schwyzer Schlag,

2) den Toggenburger Schlag und

3) den Tyroler, Vorarlberger und Graubündner Schlag.

Man könnte das häufig aus dem st. gallischen Oberlande und aus Innerrhoden eingeführte Vieh noch als einen besondern Schlag aufführen, allein da dasselbe im eigentlichen Sinne sich nur wenig von der allgemeinen Rasse unterscheidet, so verbleiben wir bei unsrer Eintheilung. Die besondern Kennzeichen der verschiedenen Schläge sind:

A. Beim Schwyzer Schlag.

Gleichförmigkeit in der Farbe, die von dunkelbraun bis lichtbraun nuanciert. Dieser Schlag ist unbedingt der schwerste der braunen Rasse, obschon er durchschnittlich nicht viel grösser ist als der Toggenburger. Das höhere Mass von Gewicht findet das Kennerauge leicht in den Konstruktionen des Körpers, so in dem breiten Kreuz und dem verhältnissmässig ebenso breiten Hintertheile. Ein gutes Exemplar dieses Schlages vereinigt in sich alles, was dem Auge wohlthut und was ökonomisch von einer Kuh in Bezug auf Milchertrag und Mastungsfähigkeit verlangt werden kann.

B. Beim Toggenburger Schlag.

Der Toggenburger Schlag ist dem Schwyzer sehr ähnlich. In der Farbe ist er etwas weniger gleichartig, indem, wenn auch nicht grade häufig, verschiedene Varietäten vorkommen. So finden wir bei den sogenannten Senntum mit traditioneller Vorliebe noch sogenannte Flecken (Scheggen), Gurte, Weissrücken und Riesel, die bei uns nicht, wohl aber im Kanton Schwyz vorkommen. Der Toggenburger Schlag ist durchschnittlich höherbeinig, in der Bauchgrube tiefer und in den Rippen oft weniger ausgewölbt. Der Kopf lässt insofern zu wünschen übrig, als er häufig zu lang, gradlinig und zugespitzt ist. Der Milchertrag ist auch bei diesem Schlag sehr ergiebig.

C. Beim Tyroler, Vorarlberger und Graubündner Schlag.

Der Viehschlag aus diesen Gegenden ist in kleinerm Massstabe das natürliche Kind des Schwyzer und des Toggenburger Schlages. Er theilt die Vorzüge und die Fehler beider, ist aber durchschnittlich bemerkenswerth leichter. Es kommen indessen doch auch grosse und schöne Exemplare vor. In Bezug auf die Farbe ist die Mischung wenn möglich noch grösser als beim Toggenburger Schlag, da alle Varietäten von weiss bis schwarz vorkommen und sogar Flecken, Riesel, Weissrücken und Gurte nicht zu den Seltenheiten gehören. Die Milchergiebigkeit wird allgemein anerkannt.

Den Viehbesitz im Kanton Appenzell Ausserrhoden können wir auch in drei Arten von Eigenthums-Gruppen eintheilen, und zwar:

1) in die sogenannten Senntum mit 25 und mehr Kühen, welche in die Alp fahren und die Milch in der Käsefabrikation verwerthen;

2) in die Milchwirtschaft mit 8-15 Kühen, bei welcher die Eigenthümer das ganze Jahr hindurch in der Nähe der Ortschaften verbleiben und die Milch von Haus zu Haus vertragen wird;

3) in die Bauernwirthschaft mit einigen wenigen Kühen bis auf 6, 8 und mehr. Bei dieser letzten Art von Oekonomie wird die Milch in der Regel zur Bereitung von Butter und zum Tränken von Kälbern verwendet.

Bei 2 und 3 kommt auch häufig die Ablieferung der Milch in Käsereien vor.

In Bezug auf die Qualität des Viehes ist anzunehmen, dass bei den Senntum durchschnittlich das werthvollste zu treffen sei. Die Milchler halten sich an eine gute Mittelwaare. Auf dem Lande, namentlich bei kleinern Oekonomien, wird selten schönes und grosses Vieh vorgefunden.

Was die Zuchtstiere anbelangt, so sind dieselben in Bezug auf die Quantität in der Regel in genügender Menge in allen Theilen des Landes vorhanden; schlimmer steht es hinsichtlich der Qualität.

Die vier letzten Viehausstellungen im Lande, an denen die besten Thiere vorgeführt wurden, haben uns in der Ansicht, dass wir in Hinsicht der Zuchtstiere hinter andern Kantonen sehr zurückstehen, mächtig bestärkt. Man könnte zwar in Betracht, dass nur ganz junge, 10 bis 15 Monate alte Stiere ausgestellt wurden, einwenden, dass Thiere dieses Alters in ihrer Konstruktion noch unentwickelt seien und dass manch kleiner Fehler bei günstiger Fortentwicklung noch gehoben werden könne. Wir geben zu, dass solche Hoffnung nicht ganz ohne Berechtigung sind, allein im allgemeinen können wir sie nicht theilen, da die Erfahrung darthut, dass weitaus in den meisten Fällen die schwachen Partien eines Thieres nicht stark werden und sich in der Folge mehr und mehr zum wirklichen und bleibenden Uebel heranbilden. Daraus geht hervor, dass die guten Eigenschaften eines Zuchtstieres schon im frühesten Alter, schon im Kalbe, hervortreten müssen, wenn man mit irgend welcher Berechtigung auf die Requisiten eines für die Zucht geeigneten Thieres zählen will.

Das Verhältnis der Zuchtstiere zu den Zuchtkühen ist in unserm Lande so ungeordnet als möglich, weil die Haltung der erstern ganz dem Zufall preisgegeben ist. Die eine Gemeinde hat zur gleichen Zeit vielleicht Mangel an genügenden Zuchtstieren, während eine andere zufällig Ueberfluss daran hat. Dort wird in Folge davon das Zuchtmaterial auf eine unverantwortliche Weise ausgebeutet und hier machen die Eigenthümer von Stieren schlechte Geschäfte. Es soll vorgekommen sein, dass junge Zuchtstiere an einem Tage ein ganzes Dutzend Mal in Anspruch genommen wurden, während andere zur günstigsten Zeit gar nicht zur Verwendung kamen. Wenn irgendwo das alte Sprüchwort: Zu wenig und zu viel verdirbt alles Spiel, am rechten Orte ist, so ist es hier.

So kennen wir genug Erfahrungsfälle, wornach das Zuchtthier bei übermässiger Anstrengung schon vor seiner eigentlichen Entwicklung entweder faktisch impotent wurde oder die Erschöpfung desselben auf eine fühlbare und höchst nachtheilige Weise auf das Produkt übergeht. Nicht viel weniger schädlich erweist sich der Mangel an naturgemässer Beschäftigung; in diesem Falle hört man häufige Klagen über unthätiges Verhalten und Erfolglosigkeit in Bezug auf Trächtigkeit. Es ist dies auch erklärlich, weil jede Kraft zurückgeht, die man nicht in rechtem Masse gebraucht. Die Zeugungsorgane erschlaffen in dem Momente, wo eine andere Art von Thätigkeit sich in dem thierischen Organismus geltend macht. Wir meinen die Entwicklung in Fleisch und Fett, die Masthaltung. Das Fettwerden hat beim Stier wie bei der Kuh die gleiche üble Wirkung bei der Züchtungsfähigkeit. Es verringert sich diese in dem Masse, als die Beleibtheit zunimmt, obschon die Gesundheit des Thieres deswegen doch ganz normal sein kann. In Berücksichtigung dieses Umstandes ist es also wünschbar, dass ein zum Züchten bestimmter Stier innerhalb gewisser Grenzen gehörig beschäftigt werde."

Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1870, S. 78 ff. 

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