Sängerverein

"Unter den Kantonal-Gesangsvereinen der Schweiz bist Du, appenzellischer Sängerverein, der erste, der sein 50 jähriges Jubiläum feiert. An solchem Tage geziemt sich wohl, dass Du auf Deine Vergangenheit einen Rückblick werfest, um neugestärkt in die Zukunft vorzuschreiten. So vernimm aus Deinen Blättern, wie Du entstanden, wird Deine Pfleger gewesen, welch' schöne Tage Du gefeiert, und was Du gewirkt.

Der Gedanke, Dich in's Leben zu rufen, wurzelt in dem grössten Feste Deines Landes, in der Landsgemeinde. Wenn am frühen Morgen von Berg und Hügel die Männer unter Jauchzen zum Orte der Landsgemeinde wanderten, dann zogen auch die Sängergesellschaften aus den Gemeinden unter fröhlichem Gesange aus der klassischen Stätte ein. Doch in dem Geräusche und Gewoge der Waffe verloren diese Gesänge ihre Wirkung. War aber die Landsgemeinde die Vereinigung aller freien Männer des Landes, gemeinsam die Obrigkeit zu wählen, die Gesetze zu geben und dem Vaterland den Eid der Treue zu schwören, so lag nahe, dass auch die kleinen Chöre der Gemeinden, die Sänger, sich zusammenthun sollten zum grossen Ganzen. Diesen Gedanken hatte schon lange in sich getragen ein Mann, der von Jugend an mit der pestalozzischen Grundsätzen bearbeiteten Gesangbildungsmethode von Hs. Georg Nägeli und Pfeiffer vertraut geworden, der sie durch Unterricht sich zu eigen gemacht, und dessen eifrigstes Wünschen und Träumen es war, die Gesangsbildung im Grossen zu fördern zu können. Es war Samuel Weishaupt von Gais, Pfarrer in Wald. Von 1815 an bis in die Zwanziger-Jahre hatte er dort kleinere Kurse gehalten und zur Entwicklung des Gesangslebens in seiner Gemeinde nicht nur viele Mühe, sondern für seine Verhältnisse auch grosse Opfer gebracht. Ihn unterstützte kräftigst mit seinem Einflusse Landsfähndrich Schläpfer. An solchen Kursen hatten Theil genommen Pfarrer Zürcher in Wolfhalden, Pfarrer Kürsteiner in Heiden, Pfarrer Iller in Walzenhausen, J.J. Lutz in Rehetobel, der junge J. Ulrich Grunholzer in Trogen, J. J. Egli, Lehrer an der Kantonsschule, Pfarrer Bänziger in Altstätten, Fabrikant Altherr in Teufen, später auch Pfarrer Waldburger und Hauptmann Sonderegger in Heiden, die alle seine eifrigen Mitarbeiter wurden. Es war am Jahresfeste des gemischten Chores von Wald, den 12. Okt. 1823. Zürcher, Kürsteiner, Dekan Frei, Landsfähndrich Tobler in Speicher, Lehrer Signer in Herisau waren gekommen, Theil zu nehmen. Weishaupt gab dem lange genährten Gedanken Ausdruck und fand auch sofort freudige Zustimmung. Alsbald erliess er eine Einladung zur Gründung eines appenzellischen Männerchors. In derselben führte er dem Volke zu Gemüthe, wie erhebend es sein müsste, wenn all die verschiedenen Singgesellschaften zu einem grossen Chore um den Landsgemeindestuhl sich versammelten, brüderlich sich die Hand reichten und vereinigt das Lob Gottes und der Freiheit erschallen liessen. "So würde die Macht der Harmonie das Geräusch der wogenden Menge überwinden, die Aufmerksamkeit Aller auf sich ziehen und ihre Herzen mit hinreissender Kraft gewinnen. Gäbes es wohl ein besseres Mittel, die Gemüther mit einem feierlich frohen Ernste zu erfüllen und auf die wichtigsten Geschäfte des Tages vorzubereiten, und wäre wohl das Band, das die Kunst um ihre Verehrer schlänge, nicht auch in andern Beziehungen wohlthätig für das Vaterland? Die Herzen könnten sich doch nicht so leicht wieder fremde werden, die hier so harmonisch zusammengefügt worden, und ich möchte fast fragen, es müssten von den Gesetzen der Tonzunft aus weises Nachgeben und kräftiges Zusammenhalten in's übrige Leben hinübergehen." So Weishaupt in seiner Einladung. Den 29. Januar 1824 fand die erste Versammlung in Teufen statt. Weishaupt hatte höchstens 40 bis 50 Teilnehmer erwartet, - mehr als 130 Sänger und Gesangsfreunde hatten sich eingefunden. In seinem Eröffnunswort, in welchem er mit gewohnter Klarheit das Wesen und die Bestimmung des zu gründenden Vereines und die Bedingungen zu einem guten Gesange aus einandersetzte, erhob sich seine Seele: "Es ist mir beim Anblick eures grossen Kreises, als liege schon das Ziel meiner Wünsche in Bezug auf die Beförderung des Gesanges in unserm Lande vor mir; meine Hoffnungen erweitern sich, meine Blicke schweifen in die ferne Zukunft, und im Geiste sehe ich das ganze Volk in lauter Harmonien der Töne und der Herzen vereinigt." - Der Verein konstituierte sich, stellte Pfarrer Weishaupt an seine Spitze und gab sich seine Statuten. Als Zweck wurde vorangestellt: Beförderung des Gesanges in allen Gemeinden, Vereinheitlichung des Singstoffes, Bereinigung der Führer und bessern Sänger und Gesangsfreunde und Sammlung derselben zu grossen Chören, um durch die "unbegreifliche Kraft des Gesanges fühlbar zu machen." Jeder eifrige Freund des Gesanges, der Appenzeller war und mit appenzellischem Sinne im Lande wohnte, konnte Mitglied werden. Er hatte sich durch Namensunterschrift auf 2 Jahre zu verpflichten und einer Gesangsprobe zu unterziehen und wurde in gemeinsamer Versammlung aufgenommen. Das Komitee wurde von der Versammlung gewählt. Jährlich sollten 2 oder 3 Zusammenkünfte stattfinden und zwar an verschiedenen Orten des Landes. An diesen Versammlungen sollte auch über den Zustand des Gesangwesens in den Gemeinden Bericht gegeben werden, der Singstoff jedem Sänger zur Verfügung stehen. - Am 8. April fand in Wald die erste Gesangprobe statt und an der Landsgemeinde in Trogen sangen 179 Mitglieder des Vereines vor dem Landsgemeindestuhl ihren gemeinsamen Choral. Gleichen Jahres fanden noch 2 Versammlungen in Herisau und Gais statt. Die erste "Sammlung" wurde veranstaltet, an ihrer Spitze stand unser: "Alles Leben strömt aus Dir."

Es folgten nun Sängertage, an welchen sich der junge, muntere Verein in seiner ganzen Bedeutung manifestirte.

Den 4. August 1826 feierte er sein Jahresfest in Speicher. Das war ein Fest, wie Appenzell noch keines gesehen hatte. Die Wohnstätte des heimatlichen Sängers und Komponisten, J. Heinrich Tobler hatte ihre Thore weit aufgethan, um all die Gäste von Nah und Fern aufzunehmen. Aus 18 Gemeinden des Landes rückten die Landsänger ein, aus St. Gallen wallten die Sängervereine herauf, ihnen hatten sich angeschlossen die meisten Mitglieder der schweizerischen Musikgesellschaft, welche am vorigen Tage den Jubel in Haydn's "Schöpfung" ausgegossen hatten.

Emsig bemüht ordneten die Vorsteher der Gemeinde die Reihen; in der Kirche sprach Weishaupt von dem Zwecke des Vereins, der nicht darin bestehen solle, künstliche Gesänge künstlich vorzutragen, sondern dass eigentlicher Volksgesang - allgemeine Verbreitung einfacher Lieder in einfachen Weisen - das unabänderliche Augenmerk der Gesellschaft sein und bleiben müsse. Feierlich ertönte Nägelis "Ruhe sanft bestattet" auf das Grab eines frühe entschlafenen Sängers, mit überraschender Präzision, Reinheit und Fülle des Tones erschollen dann die 12 Lieder aus Nägelis Männerchören und Rundgesängen. Und nun ging's auf die Höhen von Vögelinseck. Da sprach Frei begeistert von den Tagen von 1403, sang der Sängerverein "den hochgepries'nen Namen der edeln alten Zeit", riefen 2 Sennen mit ihren Hirtenweisen die Erinnerungen an die Vorzeit wach, füllte Tobler den Pokal mit Rebensaft von der Wolfshalde und fiel der Sängerverein ein mit seinem: "Wo Kraft und Wuth in Schweizerseelen flammen." Es sprach der Eidgenosse Melchior Hirzel, der nachherige Bürgermeister Zürichs, sein prophetisches Wort: "Wie einst die Freiheit von den Bergen über die Thäler sich verbreitete, so wird auch der Volksgesang von den Bergen über die Thäler sich verbreiten." Hagenbach von Basel brachte seinen poetischen Gruss:

Hinaus in das Freie, da zieht es uns fort,

Zu singen die kräftigen Lieder,

Wir folgen dem freundlich ladenden Wort

Der eidgenössischen Brüder Im lieblichen appenzellischen Land

Und reichen zum Gruss uns die Schweizerhand.

Nicht sinn- und naturlos verschnörkelte Kunst,

Mit Läufen und Trillern verbrämet,

Die eitel buhlend um menschliche Zunft,

Der menschlichen Stimme sich schämet.

Nein, Lieder aus freier natürlicher Brust,

Die find unter Leben, die find uns're Luft.

Und Abends klang noch aus dem Volke: "Schön ist die Natur." "Wer Schweizer, wer hat Schweizerblut."

Den 27. Juli 1827 feierte der Verein sein Fest in Gais. Der Sempacher Verein, der zu jener Zeit, als noch Druck auf den gährenden Gemüthern lagerte, hinauszog zu den Wahlstättern der Eidgenossen, hatte für dieses Jahr den Stoss gewählt. Nachdem am frühen Morgen bei der Kapelle daselbst Dekan Frei, der Aargauer Dichter Dr. Rudolf Tanner, Dr. Trümpi in Glarus und Bornhauser aus dem Thurgau gesprochen hatten, zogen am Vormittage die appenzellischen Sänger ein und vereinigten sich mit den Eidgenossen. Der Aufführung horcht zu Hs. Georg Nägeli. Als er da seine Lieder: "Wir fühlen uns zu jedem Thun entflammet" und "Stehe fest, o Vaterland!" in grossem Chore mächtig ertönen hörte, da rollten ihm Thränen über die Wangen. Nach der Aufführung Mahl in einer Festhütte au dem Platze [...]

 

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