Handel und Industrie

"[...] Im vierten Jahre des grossen Weltkrieges gestalteten sich die Verhältnisse auch für unsere Stickerei-Industrie immer ungünstiger. Waren in der ersten Hälfte des Jahres unsere Maschinen noch voll beschäftigt zu befriedigenden Löhnen, hauptsächlich dank der grossen Nachfrage, welche für Langware und übrigens auch für die Lorraine-Artikel bestand, so verschlechterten sich die Verhältnisse allmählich ganz bedeutend und zu Ende des Jahres hatte man die Gewissheit, dass zwar der Krieg mit den Waffen beendet sei, die Nachfrage nach Stickereien jedoch gewaltig abnehme, so dass für unsere Hauptindustrie die schwersten Zeiten wohl noch bevorstünden. Wir hatten wohl gesetzlich festgesetzte, befriedigend hohe Stichlöhne, aber keine Bestellungen, keine Arbeit und dabei Verhältnisse, welche es den Exporthäusern nicht gestatteten, grössere Lager anzufertigen, um so einen Teil der Maschinen zu beschäftigen. Mit Frankreich war Ende Dezember 1917 ein Abkommen zustande gekommen, welches eine gewisse Einfuhr von Stickereien ermöglichte, aber der festgesetzte monatliche Betrag von Fr. 625,000.- war viel zu niedrig und entsprach der französischen Nachfrage für Stickereien nicht. Ganz abgeschlossen war seit August 1918 die Einfuhr von Erzeugnissen der Stickereiindustrie nach Grossbritannien, unserm Hauptabsatzgebiete der letzten Jahre; nur noch Bestellungen für den britischen Export konnten für unsere englischen Geschäftsfreunde zur Ausführung gelangen.

Die schon im letztjährigen Berichte berührte, ständige Abnahme unseres Exportes nach Nordamerika (viele Jahre der grösste Abnehmer von Stickereien) machte rapide Fortschritte, wie folgendes Beispiel aus der st. gallischen Konsularstatistik zeigt: Ausfuhr im Monat November 1913 Fr. 6,100,000.-. Ausfuhr im November 1918 Fr. 315,000.- für Stickereien und ähnliche St. Gallerartikel.

Der Stickerei-Export nach unsern frühern Hauptabsatzgebieten war also in ständigem Rückgange, teils weil die Schwierigkeiten des Versands, die hohen Erstellungskosten und die für den Käufer ungünstigen Kurse denselben erschwerten, teils aber auch, weil diese Länder selbst durch Restrictionen aller Art die Einfuhr sogen. Luxusartikel zum Teil erschwerten und zum Teil direkt untersagten. Eine grosse Nachfrage für bestimmte Artikel bestand allerdings während des grössten Teiles des Jahres nach den Zentralstaaten sowie nach Holland und den Nordischen Staaten. Weil es den Zentralstaaten an glatten Stoffen fehlte und sie keine solchen einführen konnten, so bestellten sie eben leicht bestickte Stoffe in erhöhtem Masse. Es war daher ein schwerer Schlag für einen Teil unserer Industriellen, als im Mai 1918 von Seiten der Entente der Export für diese bestickten Stoffe nach den Zentralstaaten auf ein Mass beschränkt wurde, das in keinem Verhältnisse stand zu der Zahl der vorhandenen Bestellungen und der bereits angefertigten Ware. Und als dann auch noch Deutschland unserm Exporte nach Holland und Skandinavien Schwierigkeiten in den Weg legte, indem es die Durchfuhr nach diesen Ländern für einige Zeit gänzlich unterband, verursachte dies vielen Fabrikanten und Exporteuren grosse Verlegenheit und die hiesigen Lager an fertigen Waren wuchsen zu sehr hohen Beträgen an. Die Lage verschlimmerte sich derart, dass zu Ende des Jahres 1918 zirka 90% aller Stickmaschinen in unserm Gebiete stillgestanden sein sollen."

Quelle: Appenzellische Jahrbücher 1920, S. 136 ff. 

 

 

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