Schulbericht Innerrhoden

1. Der Nachhilfeunterricht ist seit 1905 geregelt. Schon genossen ihn in beiden Jahren 204 Knaben und 209 Mädchen.

2. Appenzell besitzt eine eigene Spezialklasse, die der Staat mit jährliche 3000 Fr. aus der Bundessubvention erhält. Sie zählte 1906 schon 20 Schüler.

3. Oberegg stellte eine vierte Lehrkraft an. 

4. Durchwegs stellt sich eine Steigerung der Schülerzahl ein, was eben Schulhausbauten und Neuanstellung von Lehrkräften ruft und Steuerschmerzen mi allen obligaten Anhängseln verursacht.

5. Es ruft der Inspektor das weitsichtige Wort in das Ländchen: es rächt sich das "knappe Messen und Knausern" bei Neubauten.

6. Der Inspektor steht ein für Trennung der Geschlechter und für weibliche Lehrkräfte für den Unterricht der Mädchen, ganz nach dem modernen Grundsatz der Pädagogenwelt, der "individuelle Behandlung und Charakterpflege" fordert.

7. Es gibt Schulen mit 7 und solche mit 1 Wochen Ferien, wogegen der Inspektor nicht ohne Humor und Schalkhaftigkeit an Art. 29 der Schulverordnung appeliert.

8. Von den 355 der 1. Klasse waren 1906 mit körperlichen Gebrechen behaftet 12 oder 3,3%, spezieller Nachhilfe bedurften wegen schwacher Begabung 22 = 6,1%. Der Inspektor begrüsst diesen Hygienischen Untersuch, weil es treffliche Winke gebe "für eine richtige Behandlung anormaler Kinder".

9. Für starrsinnige Eltern in Sachen des Schulbesuches wird ein drastisches Beispiel angeführt. Ein Familienvater musste wegen Renitenz lt. Art. 36 dreimal dem Gerichte überwiesen werden. Das ganze "Vergnügen des Widerspruchs der Tat" kostete ihn über 80 Fr. Das Beispiel folgt mehr als viele Worte.

10. Der Inspektor wünscht, dass die Schweizergeschichte nicht eine "Geschichte der Blutkultur" werde, überhaupt soll der Unterricht Herz, Willen und Gemüt nicht vergessen.

11. Sechs Schulkreise weisen Lehrerwechsel auf, wovon einer seinen Herrn "unbetrauert" scheiden liess.

12. Die 6 Lehrerkonferenzen 1905/06 behandelten 10 interessante Thematen und die 6 von 1906/07 deren 7.

13. Die Lehrerbibliothek schaffte an: Dr. P. Kuhns Kunstgeschichte, geographisches Lexikon, alle Werke von Dr. W. Förster. Im letzten Jahre machten nur 3 Herren Bezüge.

14. Der Inspektor weist auf die Notwendigkeit, den Gehalt zu verbessern und die Kosten der Stellvertretung des Lehrers zu übernehmen.

15. Realschulen hat es in Appenzell und Oberegg. Sie zählten 17 ev. 36 Schüler.

16. Fortbildungsschulen gab es in 14 Gemeinden, 40 Abteilungen mit 305 event. 321 Schülern und 1343 ev. 1279 Stunden. 211 event. 188 Schüler hatten keine Absenz. Nur 6 Abteilungen hatten den Unterricht am Abende, alle anderen während 3 Stunden des Nachmittags. Wer ahmt in dieser gediegenen Errungenschaft Appenzell nach, und wer entwickelt zur Beseitigung des sehr dubiosen Abendunterrichts den Schneid vom hochw. Hrn. Inspektor Rusch?

17. Mit dem Resultat der Rekrutenprüfungen bessert es nach und nach. Durchschnitt des eidg. Resultates 1902-06 = 7,77. - Durchschnitt von Appenzell 9,62, während Appenzell 8,19 - St. Anton 8,5 - Kapf 9,00 - Oberegg 9,10 - Steinegg 9,20 - Haslen 9,28 - Schwendi 9,54 u. aufweisen. Im Jahre 1905 hatte Haslen die Note 6,50 und 1906 Steinegg 6,83.

18. Ganztagschule hat nur die Knabenschule in Appenzell, im übrigen besteht die Halbtagschule. Schülerzahl 2227 ev. 2239. Absenzen: pro Schüler total 4,1, ev. 1906/07 = 7,1 (Schneewetter!)

19. Schulbesuch an der Primarschule: Vom Inspektor 1905/06 = 162, an jeder Schule 3-6 und 1906/07 = 185, an jeder Schule 3-8. Wir verzichten auf jede weitere Bemerkung und sagen: nachmachen!

20. Abschliessend etwas Interessantes vom Schulbesuch. Im Jahre 1905 gestaltete sich das Absenzenwesen in einzelnen Kantonen pro Schüler also, und zwar entschuldigte und unentschuldigte in einander gerechnet. Innerrhoden 4,1 - Ausserrhoden 4,8 - Neuenburg 5,6 - Glarus 5,9 - Nidwalden 6,4 - Graubünden 6,6 - Uri 6,9 - Luzern 35,7 - Waadt 23,3 - Baselstadt 20,0 - Freiburg 15,2 - Bern 14,1 - Tessin 13,4 - Zürich 13,0. Wir schliessen für heute und beglückwünschen Appenzell's Volk und Behörden zu seinem schneidigen, zeitgemäss beobachtenden und handelnden Schulinspektor; das kanton. Schulinspektorat ist halt doch auch noch - nütze. Wir sagen mit dem verehrten Herrn: Alleweils vorwärts, aber Erziehung, nicht bloss Bildung, Charakterflege, nicht bloss Wissensvermittlung! - Cl. Frei

 

Quelle: Pädagogische Blätter 1907, Seite 803 ff

Pädagogische Blätter 

Diese Webseite verwendet Cookies

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzerklärung .